5. Impuls

Als Christ:in unterwegs in unsicherer Zeit

Pater Hans-Martin, 23.03.2025

Liebe Glutzeitfreunde,
plötzlich ist alles ganz anders! Wie kann ich bei den Quellen meiner Persönlichkeit bleiben, wenn mir plötzlich der Boden unter den Füßen wegbricht? Der Text "Als Christ:in unterwegs in unsicherer Zeit" will darauf eine Antwort versuchen. Viel Mut und viel Entdecker:innenfreude bei diesem Impuls!


Wenn wir meinen, dass Persönlichkeit zu verschwinden droht

In Europa ist Krieg. Im Nahen Osten herrscht Krieg. An vielen Orten auf der Welt ist Krieg. Hunderttausende suchen Zuflucht oder stehen davor Zuflucht suchen zu müssen. Hunderttausende mit verstörenden Eindrücken aus den Kriegsgebieten in ihrem seelischen Gepäck.

In lebensbedrohlichen Situationen wird sehr plötzlich eine tiefliegende Schicht des menschlichen Gehirns aktiviert und überwältigt alle bisher gelernten und allgemeinhin als normal geltende Verhaltensweisen.

Ist diese Schicht des menschlichen Gehirns aktiv, gibt es dann grob nur noch drei Verhaltensweisen: Angriff, Flucht oder Totstellen. Das sind die zum Überleben wichtigen Grundfunktionen der Psyche für Menschen und Tiere.

Sind dann also Krieg und andere schwerwiegende Gewalterfahrungen das Ende jeder über Jahre hinweg ausgebildeten Persönlichkeit. Wenn ja, wohin soll dann das schönstättische Flaggschiff „Persönlichkeitsbildung“ in Zeiten existentieller Verunsicherung steuern? Ist der Weg der schönstättischen Selbsterziehung dann nur noch Makulatur? Vonwegen!


Persönlichkeitsbildung und Tiefenseele

Die gewachsene Persönlichkeit verschwindet nicht, wenn das Überlebenssystem der menschlichen Psyche aktiviert worden ist. Ein in einer besonderen Weise durch Selbsterziehung gebildeter Persönlichkeitskern kann sogar einen Weg weisen durch den Hagel lebensbedrohlicher Ereignisse hin zu bleibender Sensibilität für sich und andere Menschen.

Was es dazu braucht?

Ein Konzept von Persönlichkeitsbildung, das bereits in ruhigen Zeiten Alltagserfahrungen mit den tiefen Seelenschichten eines Menschen verbinden hilft.


Der Weg des Josef Engling

Ein Modellfall solcher Art von Bildungsarbeit liegt gut dokumentiert in Briefen, Tagebuchnotizen und Rechenschaftsformularen für einen der ersten Schönstätter, Josef Engling (1898 - 1918), vor.

Josef Engling war Soldat im Ersten Weltkrieg. Was er während seiner Einsätze als Soldat niederschreibt sind Berichte über viele traumatisierende Situationen, Situationen eben, in denen es durch die Aktivierung des Überlebenssystems der menschlichen Psyche in der Regel zu drastischen Reduzierungen der Verhaltensoptionen und damit zum Verschwinden von Persönlichkeit kommt.

Kriegstagebuch, 10. Mai 1918:

„Wir sind in Stellung. Ich bin beim Trägertrupp. Jeden Abend holen wir das Essen etwa eine halbe Stunde weit. Gestern erhielten wir Feuer. Wir wählten einen anderen Weg. Nachher kamen wir in eine Gaszone. Wir setzten die Gasmasken auf und verliefen uns. Nach langem, langem Suchen kamen wir bei der Küche an.“

Schönstatt als Werkstatt für Menschen, die in die Tiefe wachsen wollen

Josef Engling lernt im Studienheim in Schönstatt Hilfsmittel für eine sogenannte „Selbsterziehung“ kennen. Dabei geht es um eine innerlich Verknüpfung von persönlich gestalteter Alltagskultur und religiös vermittelten Sinnhorizont. Es wurden im Rahmen dieser Selbsterziehungsschule hilfreiche Methoden der Selbstbeobachtung und der Selbstmotivation vermittelt. Die Einübung dieser Methoden halfen Josef Engling (und vielen anderen Studenten am Studienheim) bei sich eine lebensspendende Verknüpfung von tiefer Erlebnisfähigkeit und einfachen Alltagsvorgängen wachsen zu lassen.


Selbstbeobachtung und die daraus wachsende Motivation von Joseph Engling

Beobachtet werden sollten kleine Gelegenheiten, die im Alltag halfen eine konkrete geistliche Erfahrung zu machen.

Motivieren sollte die Einbettung dieses Tuns in einen Beziehungsvorgang. Seine eigene Selbstbeobachtung sollte als Ausdruck der eigenen Liebesfähigkeit gelten. Konkreter Adressat dieser Liebe war die Gottesmutter Maria als Symbolfigur für Größe und Weite menschlicher Erlebnisfähigkeit. Diese Arbeit an sich selbst in einen von Herzlichkeit geprägten Beziehungsvorgang war der Schlüssel zur Verwurzelung des durch diese Übungen gewonnenen Selbstbewusstseins in tiefere Schichten der menschlichen Seele.

„Gott ist bei mir der liebe Vater der Menschen“

Vor allem mit Josef Kentenich, dem Vertrauenslehrer am Studienheim in Schönstatt, war Josef Engling über seinen Weg der Selbsterziehung im Gespräch. An einer konkreten Rückmeldung Josef Kentenichs wird deutlich, was eine vertraute Person für das eigene Wachstums in die Tiefe der eigenen Erlebnisfähigkeit bringen kann.

In Form von kleinen selber mit Hilfe von Bleistiftlinien zu Formularen eingerichteten Blättern, auf denen verschiedene dieser selbstgefundenen Gelegenheiten (Selbstbeobachtung) gelistet sind, dokumentiert Josef Engling sein Wachstum. Jeden Tage wird jeder dieser Vorsatz kontrolliert und seine Erfüllung oder Nichterfüllung mit einfachen Symbolzeichen dokumentiert. Diese Blätter schickt Josef Engling an Josef Kentenich. Dieser antwortet ihm am 30. Juni 1918 auf eine dieser Sendungen:

„Lieber Josef! Herzlichen Dank für Deinen Rechenschaftsbericht. Bezüglich eines Vorsatzes hast du mich missverstanden. Du solltest nicht als Gegenstand nehmen täglich das Gebet ‚Mutter dreimal wunderbar‘ zu verrichten, sondern Dir mehrmals vorstellen, unsere himmlische Mutter stünde bei Dir und beobachte dich voller Interesse, und dann ein Zwiegespräch halten über alles, was Deine Seele bewegt, so wie man sich mit einem Freund oder mit seiner Mutter bespricht.“ (Text leicht verändert)

Dementsprechend sein neuer Vorsatz vom 1. – 13. Juli:

„Ich will vor- und nachmittags je dreimal mir vorstellen, das Liebe Mütterlein stehe neben mir und beobachte voller Interesse mein Denken, Tun und Benehmen.“

Das religiöse Leben war durch Selbstbeobachtung, Selbstmotivation und Begleitung in einer tiefen Mitte der Person von Josef Engling angekommen. Josef Kentenich hat Josef Engling geholfen den Glauben an die Gegenwart Gottes mit seiner Tiefenseele zu verknüpfen. Auf diese Weise gelang es Josef Engling in seinem Inneren einen inneren sicheren Ort zu schaffen, der vom Hagel lebensbedrohlicher Ereignisse nicht mehr getroffen werden konnte.

Am 4. Oktober trifft Josef Engling bei Cambrai eine Granatsplitter. Josef Englings letzter Eintrag in seinem „geistlichen“ Berichtsformular stammt vom Nachmittag desselben Tages. Es ist der siebte Strich bei dem Vorsatz: „Ich will stündlich mit dem Mund sagen, Gott ist bei mir, der liebe Vater der Menschen, er sieht, wie ich die mir eingepflanzte Sinnlichkeit zum Besten der Menschen veredle.“


Sind wir bereits auf dem Weg?

Wenn wir bereits in unserem Alltag anfangen den Anker der Gottesliebe ausfindig zu machen, dann halten die so in gewöhnlichen Zeiten identifizierten Verankerungen auch in der Krise und im Leid stand.

So zeigen es uns die Erfahrung in den frühen Tagen in Schönstatt. Ein Weg beginnt immer schon vor dem Aufstieg ins Gebirge.